Die Aufgabe der Demokraten jenseits von Links und Rechts

Zwei persönliche Fälle möchte ich mit euch teilen, die meines Erachtens deutlich zeigen, warum wir uns in diesen Zeiten weder mit der politischen Linken identifizieren, noch für die politische Rechte Partei ergreifen sollten, sondern uns als Demokraten für unsere freiheitlichen Grundwerte stark machen müssen.

 

Münster – An einem Donnerstagabend war ich alleine in der Innenstadt auf dem Weg zu meinem Auto, das ich in einer Parkgarage abgestellt hatte. In der Nähe des Prinzipalmarktes kamen mir zwei weiße, junge Männer entgegen. Kurz bevor wir aneinander vorbeigingen machte einer der beiden einen Schritt auf mich zu, schrie mir in einer unverschämten Art und mit lauter und provozierender Stimme „CHIIINAA“ ins Gesicht und ging lachend weiter.

 

Berlin – Ziemlich genau eine Woche später spazierte ich von der S-Bahn Haltestelle zu meiner Wohnung, als mir auch diesmal zwei junge, fremde Männer entgegen kamen, die sich auf Arabisch miteinander unterhielten. Kurz bevor wir aneinander vorbeigingen machte auch plötzlich diesmal einer der beiden Männer einen Seitfallschritt, sprang direkt vor meine Füße und rief mir etwas Unverständliches lautstark entgegen. Auch diese beiden gingen belustigt weiter und schienen diesen Umgang mit ihren Mitmenschen völlig in Ordnung zu finden.

 

Beide Male habe ich mich verbal gewehrt. Einmal kam jemand auf mich zu, der sich erkundigte, ob denn alles in okay sei. Nein, denke ich mir. Es ist definitiv nicht okay, dass ich als Frau (!) mit Migrationshintergrund (!) diesen zwischenmenschlichen Umgang in unserer Gesellschaft akzeptieren muss. Und ich weigere mich, diese Vorfälle als Einzelfälle und Ausrutscher irgendwelcher Spinner zu ignorieren. Warum? Weil ich nicht möchte, dass meine Realität in diesem Land zur Normalität wird.

 

In was für einem Land möchten wir künftig Leben? Das ist die Frage, die wir uns in diesen Tagen einmal ehrlich stellen sollten – als Frauen und Männer, mit und ohne Migrationsgeschichte, parteienübergreifend, jung und alt.


Trennschärfe und Rechtsstaatlichkeit

So wie auch vor ziemlich genau 26 Jahren in Rostock-Lichtenhagen sind es nicht die „paar“ Idioten mit der Vorliebe zum Hitlergruß, die Angst machen, sondern es sind die ganz normalen Mitbürgerinnen und Mitbürger, die grölend und aufhetzend daneben stehen.

 

Wenn jemand einen anderen Menschen mit einem Messer attackiert, verletzt und tötet, gehört er mit der ganzen Härte unseres Rechtsstaates bestraft. Wenn das bestehende Recht unserem Gerechtigkeitsempfinden nicht entspricht, liegt es an uns dieses in einer Debatte zu thematisieren, die dafür zuständigen politischen Vertreter einzubinden oder auch zu demonstrieren.

 

Wenn ich über die letzten Tage jedoch immer wieder lesen muss, dass die Vorfälle in #Chemnitz echt ganz schlimm sind, aber.. (!) und dann meist eine schlechte Rechtfertigung der Gewalttaten von Menschen an unschuldigen Mitbürgern folgt, dann hat das nichts mit dem Prinzip der Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu tun. Und wenn ich das sowohl von ehemaligen als auch aktuellen Politikern lesen muss frage ich mich, wo uns das Ganze bald hinführen wird, wenn wir nicht gewaltig aufpassen.


Causa Özil

#Özil fordert den Respekt gegenüber gelebter Diversität ein und posiert freudig mit einem Politiker, der jegliche Formen der Diversität mit Füßen tritt.

Viele Deutsche fordern von Özil vollkommene Loyalität gegenüber Deutschland und seinen Grundwerten ein, halten aber selbst ihren Mund, wenn er auf diversen Kanälen auf die übelste Art und Weise rassistisch angegangen wird.

Ich denke, eine gewisse Form der Selbstreflektion täte beiden Seiten mal ganz gut.

Dass Özil jetzt das Handtuch wirft, mag persönlich nachvollziehbar sein. Ich halte es allerdings für ein fatales Zeichen der Resignation gegenüber denjenigen, die es durch ihre Beschimpfungen geschafft haben, einem Menschen das Gefühl des "Ungewolltseins" zu geben. Für viele junge Menschen ist Özil trotz des Fotos mit Erdogan ein Vorbild geblieben, weil sie sich mit ihm in anderer Hinsicht identifizieren konnten. Seine Resignation gegenüber Rassisten sowie seine trotzige Reaktion und bestehende Uneinsichtigkeit sind für mich absolut enttäuschend.


Haltung ist keine Frage des Migrationshintergrundes

Also mich persönlich stört an dem viel diskutierten Bild nicht die Tatsache, dass sich zwei deutsche Nationalspieler mit einem ausländischen Präsidenten ablichten lassen, sondern in erster Linie die Tatsache, dass es sich hierbei um Recep Tayyip Erdogan handelt, der deutsche Staatsbürger aus politischen Gründen gefangen hält und dessen freiheitsfeindliche Politik sich ganz offensichtlich nicht mit unseren demokratischen Werten vereinbaren lässt.

Was darüber hinaus feststeht ist, dass sowohl dieses emotionale Blabla-Gerede um zwei Herzen in einer Brust, als auch diese erneute Diskussion um die Unvereinbarkeit von zwei Staatsbürgerschaften gewaltig nerven.

Entweder man bekennt sich zu gewissen Werten und zeigt Haltung oder man tut es eben nicht. Der Migrationshintergrund sendet sicherlich keine Störsignale ans Rückgrat.


Die Blase der republica

„Wir akzeptieren keine Uniform, weil es viele Besucherinnen und Besucher gibt,

die sich dabei unwohl fühlen. Ausnahmen sind natürlich Polizei, etc.“

 

Bei #POP und Konfetti über die freie Gesellschaft, den offenen Dialog und Filterblasen sinnieren und gleichzeitig die #Uniform der #Bundeswehrverbannen, weil Besucher sich dabei unwohl fühlen könnten. Während Millionen von Menschen auf dieser Welt vor Krieg, Unterdrückung, Missbrauch, Vergewaltigung und Terror fliehen und auf Hilfe, ja auch militärische, hoffen müssen, ist dieses Vorgehen der #republica mal wieder sinnbildlich dafür, in welch unterschiedlichen Realitäten wir in dieser einen Welt leben.


Verfassungsänderung in China

Mit Kontinuität und Stabilität wird die Verfassungsänderung in China gerechtfertigt, die dem Präsidenten Xi Jinping den Weg freimacht, unbegrenzt im Amt zu bleiben. Nach der Schreckensherrschaft Maos wurde die Begrenzung eingeführt, um die Wiederkehr eines Diktatoren zu verhindern. Davon abgesehen, dass die Menschen bereits nicht das Privileg einer Wahl genießen, bleibt ihnen nur die Hoffnung (!), dass die Politik des Machthabenden ihrem Wohl dient. Experten sagen bereits eine aggressivere und abenteuerlustigere Außenpolitik voraus. Die Internetzensur wird durch das Verbot bestehender VPN-Programme unumgänglich. So sehr die wirtschaftliche Entwicklung Chinas auch zu begrüßen ist, sollten wir uns immer wieder vor Augen führen, dass wir als Demokraten und Verfechter einer freien Welt eine solch geschaffene wirtschaftliche Kontinuität und Stabilität nicht um jeden Preis unterstützen können. #China #XiJinping

#Verfassungsänderung


Das Abbild unserer Gesellschaft

Die Alternative für Deutschland zieht in den Bundestag und die Nation ist empört.

Über Wochen und Monate gab es kein anderes Thema in der Berichterstattung über die bevorstehende Bundestagswahl, als den Aufstieg dieser populistischen Partei auf Bundesebene. Auf der CDU-Wahlparty blicke ich am Wahlabend in geschockte Gesichter, als um 18 Uhr die ersten Zahlen veröffentlicht werden. In meinem Newsfeed bei Facebook erheben selbst diejenigen ihre Stimme gegen die AfD, die sich sonst nie viel zu politischen Ereignissen geäußert haben. Bei Twitter distanzieren sich tausende Menschen mit dem Hashtag „87Prozent“, um zu verdeutlichen, dass sie zu dem großen Teil der Wählerschaft in Deutschland gehören, die die 13 Prozent der AfD nicht zu verantworten haben.

Ich, als Mensch mit Migrationshintergrund und Eltern mit Fluchtgeschichte, muss allerdings gestehen, dass ich ein wenig froh darüber bin, dass wir das wahre Gesicht der AfD ab heute in der offenen Debatte des Deutschen Bundestag erleben werden. Ich bin froh darüber, dass ganz Deutschland zu sehen bekommt, welches Gedankengut sich in unserer Gesellschaft über lange Zeit verborgen hat. Denn dass die populistischen, fremdenfeindlichen und menschenverachtenden Sprüche nicht erst seit dem Sommer 2015 salonfähig geworden sind, sollte jedem nach diesem Wahlergebnis klar sein. Mit der AfD wurde seit dieser Zeit allerdings eine Institution in die Parteienlandschaft Deutschlands integriert, die es geschafft hat, den offen gelebten Rassismus vom Salon ins Parlament zu bringen.

All das, was alle Deutschen in diesem Land nun im Bundestag erleben werden, ist die Salonfähigkeit einer Sprache, der viele Minderheiten in unserer Gesellschaft - manchmal laut, aber viel öfter still und heimlich - ausgesetzt sind. Ob Jude oder Moslem, ob schwul oder lesbisch, ob mit Migrationshintergrund in zweiter Generation oder Flüchtling – für die Mehrheit dieser Menschen ist die Existenz fremdenfeindlicher und diskriminierender Sprüche, wie wir sie von den Vertretern der AfD erleben, doch nicht gänzlich neu. Im Gegenteil, viele werden alltäglich damit konfrontiert. Der Unterschied besteht nun allerdings darin, dass diese Sprüche nun repräsentativ von Abgeordneten des Deutschen Bundestages geäußert werden können. Damit ist die Sprache dieser Menschen nicht nur salonfähig, nein, sie wird sogar parlamentsfähig.

Und so traurig ein jeder das empfinden mag, wird der heutige Tag die Gesellschaft in Deutschland wachrütteln müssen, damit jenes demokratiefeindliche Gedankengut, unabhängig vom Ort und der Art seines Auftretens, eben nicht als individueller Ausrutscher relativiert wird, sondern ihm geschlossen und demokratisch entgegengetreten werden kann. Das wünsche ich mir für Deutschland.


"Das sind keine Muslime" -                                                                                        Über Deutungshoheiten und ihre Grenzen

„Das sind keine Muslime“ – diesen Satz lese ich des Öfteren von Muslimen und Nicht-Muslimen in der Debatte um den islamistischen Terrorismus. Lange habe ich über ihn nachgedacht und bin zu dem Entschluss gekommen, dass ich ihm nicht zustimmen kann.

Ich kann diesem Satz nicht zustimmen, da ich der Meinung bin, dass es im Glauben, betrachtet man diesen allein, keine Deutungshoheit geben kann. Denn wer die Deutungshoheit für sich selbst beansprucht, der erhebt sich über andere. Er meint, das einzig Wahre zu kennen und er impliziert damit, dass all jene, die seine Meinung nicht teilen, den Glauben falsch auslegen oder in diesem Falle, keine Muslime seien. Aber ist das nicht genau das, was auch Extremisten, Fanatikern und eben Islamisten vorgeworfen wird? Dass sie die Deutungshoheit für sich allein beanspruchen und all jene der Ungläubigkeit bezichtigen, die ihrer Idee nicht Folge leisten?

Kann ich persönlich als Christ auf vergangene Zeiten blicken und behaupten, dass Kriege, Leid und menschenunwürdige Taten, die im Namen des Christentums stattgefunden haben – und ja, auch diese sollte man sich immer wieder vor Augen führen – nicht von Christen, sondern von Terroristen zu verantworten sind?

Das wäre doch zu einfach. Darüber hinaus ist das Besondere am Glauben doch, dass nicht Dritte darüber entscheiden, ob man das Recht dazu haben sollte, eine Beziehung zu einer höheren Macht aufzubauen. Denn das Besondere am Glauben ist doch, dass man diese Entscheidung im Herzen für sich selbst fällen darf.

Daher bin ich davon überzeugt, dass es einer theologischen Debatte bedarf und diese in keinem Falle mit der politischen Diskussion vermischt werden sollte. Ein von seiner Ansicht überzeugter Muslim wird sich wahrlich nicht weniger muslimisch fühlen, nur weil eine Mehrheit von Muslimen ihm offiziell abspricht, Muslim zu sein. Denn der Glaube ist kein Verein, aus dem man einfach rausgeschmissen werden kann.

Was uns als Staat und Gesellschaft bleibt ist die Rechtsstaatlichkeit, die es uns erlaubt existierende Deutungshoheiten einzuschränken. Der Rechtsstaat erlaubt es uns von jeder Religion einzufordern, sich dem Grundgesetz und unseren freiheitlichen Werten unterzuordnen. Unser Grundgesetz gebietet es uns zwischen freiheitsachtenden und freiheitsverachtenden Überzeugungen zu unterschieden. Und wir haben rechtsstaatliche Instrumente, um gegen Missstände und Missbräuche vorzugehen – ganz unabhängig vom Glauben. Daran können wir politisch als Staat und Gesellschaft mitwirken. Aber den theologischen Diskurs müssen vor allen Dingen diejenigen vorantreiben, die ihren eigenen Glauben durch extremistische Auslegungen bedroht fühlen. Sie müssen innerhalb ihrer Religion vermitteln, dass ihre Deutung diejenige ist, die mit unseren freiheitlichen Prinzipien im Einklang ist und damit auch diejenige Deutung ist, die ein friedliches Zusammenleben ermöglicht. Das friedliche Zusammenleben, wonach sich gerade ziemliche viele Menschen auf dieser Welt sehnen.


Die realität Europas sieht anders aus

Vor einigen Tagen war ich auf der Young Leaders' Conference - Die Deutsche Sicherheitspolitik in der öffentlichen Diskussion 2017. Das Foto zeigt Studenten, die mit Michel Friedman über Nationalismus, Populismus und Identitätspolitik diskutieren. Es werden große Plädoyers für die Demokratie gehalten. Es wird erörtert, warum gesunde und ausgeglichene politische Debatten gerade im US-Wahlkampf nicht möglich waren. Ursachen und Gründe, die Generation x, y whatever so politisch uninteressiert erscheinen lassen werden thematisiert. Was könnten die Auslöser für Populismus und Nationalismus sein?

Drei Studenten der Hertie School, LSE und Zeppelin Universität diskutieren mit Prof. Dr. Dr. Michel Friedman. Interessant und erhellend, keine Frage. Aber entspricht das unserer Realität? Ist das das Bild der Gesellschaft, mit der wir tatsächlich über unsere gemeinsame Identität sprechen sollten? Über Monate reden wir über das Establishment, über "die da oben". Darüber, dass Politik bürgerfern geworden ist und ihre Akteure in ihrer eigenen Blase leben. Wir reden darüber, dass Meinungspluralismus ausgehalten werden muss. Dass man einen argumentativen Schlagabtausch nicht scheuen sollte. Dieses Podium wird diesen Forderungen leider nicht gerecht.

Political Leadership bedeutet für mich, die Fähigkeit zu besitzen, unterschiedliche Meinungen in eine Debatte integrieren, zuzuhören und dabei diejenigen zu Wort kommen zu lassen, die sich nicht gehört fühlen. Rauszutreten aus meiner eigenen Blase und nach einer Lösung zu suchen, die allen gerecht werden könnte. Neuen Input aus den Bereichen zu gewinnen, die ich persönlich nicht kenne und die mir fern sind. Wenn wir ehrlich über unsere Identität und unser Europa sprechen wollen, das zurzeit Populismus und Nationalismus fürchtet, gehören für mich nicht nur Akademiker auf dieses Podium. Dieser Führungsstil der vergangen Jahre hat den Populismus genährt, ihn vielleicht sogar erst entstehen lassen. Davon müssen wir lernen. Wir sollten endlich mal Neues wagen, über den Tellerrand schauen und vor allen Dingen bereit dazu sein, uns trotz unserer Unterschiedlichkeit gegenseitig mehr zuzutrauen.  


Loyalität gegenüber werten oder dem staat?

Ich habe keinen Anspruch auf eine doppelte Staatsbürgerschaft. Wenn ich eine solche besäße, würde ich mich doch trotzdem zu den von uns in Deutschland gelebten Grundwerten und dem Grundgesetz bekennen. Nicht weil sie deutsch sind, sondern weil ich sie als wahr und richtig erachte. 

Man stelle sich einen Deutsch-Amerikaner vor. In den Vereinigten Staaten von Amerika geht er auf die Straße, um für die Abschaffung der Todesstrafe zu protestieren. Er findet, dass die Würde jedes einzelnen Menschen geschützt werden sollte und einem Menschen sein Recht auf Leben nicht genommen werden darf. Zurück in Deutschland geht er wieder auf die Straße. Er findet, dass gleichgeschlechtliche Paare endlich das Recht haben sollten, zu heiraten. Denn wenn Menschen Verantwortung füreinander übernehmen, sagt er, ist das förderungswürdig und entlastet sogar noch den Sozialstaat. Er besitzt zwei Staatsbürgerschaften aber eine, nämlich seine persönliche, Wertvorstellung für die, so glaubt er, es sich zu kämpfen lohnt. Und das über Grenzen hinweg. 


Wenn frisch und selbsternannte frauenrechtler den sexismus in ihren eigenen reihen abstreiten

Über den Wahrheitsgehalt der derzeitigen Sexismusvorwürfe in der CDU Berlin vermag ich nicht zu urteilen. Das wird keiner können, der diese nicht selbst bezeugt hat. Ein pauschalisierendes Urteil über die CDU Berlin bleibt meiner Meinung nach unangemessen, wie mir auch meine persönliche Erfahrung beweist. Nach meinem Umzug nach Berlin wurde ich von der CDU Schönhauser Allee sehr herzlich willkommen geheißen, die Verantwortlichen nahmen sich gerne Zeit mich mit den Strukturen in Berlin vertraut zu machen und ich hatte immer das Gefühl, dass gerade auch neue, junge, weibliche Mitglieder mit großem Respekt in die politischen Entscheidungsprozesse eingebunden werden.

 

Die Diskussionen der letzten Tage über den Artikel Jenna Behrends hinterlassen allerdings ein erschreckendes Bild. Eine Frau berichtet über ihre sexistischen Erfahrungen und das, was dann passiert, zeichnet das Bild ab, wie unsere Gesellschaft mit selbstkritischen Themen umgeht - nämlich mit abstreitender Ignoranz.

 

Viele andere Frauen und Männer melden sich zu Wort, sprechen Jenna durch ähnlich geprägte Erfahrungen Mut zu, finden es toll, dass auch endlich eine Frau mit politischem Amt sich traut, ein offensichtlich parteiintern unbeliebtes Tabuthema öffentlich anzusprechen. Reaktion und Fazit in den Foren der Partei? 

„Jenna Behrends - eine offensichtlich persönlichkeitsgestörte Karrieristin, die sich als Quereinsteigerin medialen Ruhm verschaffen möchte.“ Und Sexismus? „Kommt schon, Mädels, stellt euch doch nicht so an. So ist das halt in einem von Männern dominierten Feld. Damit müsst ihr leben. Die alten Männer sind nun einmal zu einer anderen Zeit aufgewachsen. Da war das noch ganz üblich euch so zu behandeln. Das ist doch nicht bös’ gemeint. Zeiten ändern sich schon noch, jetzt stresst nicht so parteischädigend rum.“

Vor ein paar Tagen noch die Kämpfer für die Freiheit und Rechte der Frau gewesen streiten dieselben Personen aus der Partei den ‚anscheinend existierenden’ Sexismus gegenüber Frauen ab.

 

Vor einiger Zeit musste auch ich mir von einem ehemaligen JU-Mitglied anhören, dass ich mich doch „hochgeschlafen“ hätte. Von vielen Freundinnen aus der Partei weiß ich, dass sie gleiche Erfahrungen gemacht haben, gegen Gerüchte und Vorbehalte ankämpfen. Ich muss zugeben, dass ich immer nachlässig damit umgegangen bin. Es meistens versucht habe zu ignorieren. Die Leute einfach habe reden lassen. Versucht habe still hinzunehmen und weiterzumachen. Heute weiß ich, dass dies nicht ausreicht, um Missstände abzuschaffen. Umso dankbarer bin ich Jenna dafür, dass sie ihre Stimme erhoben hat. Und ich kann mir vorstellen, dass es vielen anderen Frauen auch so ergeht. 


von Hosen, Kleidern, Burkas und freiheit

Die Hose galt im 19. Jahrhundert als ein Symbol für die Emanzipation der Frau. Mussten Frauen in vergangenen Zeiten immer nur Kleider und Röcke tragen, empfanden sie die Hose als eine Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen. Wer wäre damals auf die Idee gekommen, das Tragen von Kleidern als eine Form der Unterdrückung der Frau zu verbieten?

Ich persönlich trage heute fast ausschließlich Kleider und Röcke. Und das aus dem einfachen Grund, dass ich mich in diesen wohler fühle, als in einer Hose. Und ich bin froh darüber, dass ich in einer Gesellschaft lebe, die mir diese freie Entscheidung überlässt, und dass ich in einer Familie aufgewachsen bin, die mich nicht zu kulturellem und traditionellem Brauchtum genötigt hat.

Finden wir also lieber Wege, um eine liberale Gesellschaft zu stärken, in der eine Frau ohne jeglichen Druck selbst darüber entscheiden darf, wie sie sich zeigen möchte, statt Gesetze zu schaffen, die mich damals in eine Hose gestopft hätten.

Ich persönlich bin kein Fan von religiöser Verschleierung. Aber es geht nicht um mich und meine Religion. Es geht darum, die Ausübung des anderen zu akzeptieren, wenn (!) er sie aus eigenem Willen und ohne jeglichen Druck erfahren zu haben so ausleben möchte und niemanden in seinen Rechten verletzt. Es geht mir um die individuelle Freiheit eines jeden, der sich eigens dazu entscheidet, sich zu verschleiern. Ob diese individuelle Freiheit immer besteht, ist eine andere Frage, die meines Erachtens viel wichtiger ist, als die Diskussion um dieses Stück Stoff.


Wenn Deutschland sich von Deutschen abwendet

Jeder deutsche Staatsbürger ist vor dem Gesetz gleich. Wenn er eine Straftat begeht, sollte er nach deutschem Recht bestraft werden. Die Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft derjenigen, die eine doppelte Staatsbürgerschaft besitzen, ist als Sanktion daher nicht haltbar. Wie geht man bei demjenigen vor, der straffällig geworden ist und nur die eine deutsche Staatsbürgerschaft besitzt? Wird er dann zum Staatenloser? Das ist absurd. 

Diese Sanktionsmöglichkeit führe automatisch dazu, dass der Deutsche, der eine doppelte Staatsbürgerschaft besitzt, somit anders behandelt wird, als sein Mitbürger, der nur eine Staatsbürgerschaft innehat. Die Gleichheit vor dem Gesetz sollte für jeden Deutschen gelten, ob nun mit oder ohne Doppelpass. Nur so kann sichergestellt werden, dass die Gesellschaft nicht durch Deutsche erster und zweiter Klasse unterteilt wird.

Davon abgesehen frage ich mich, was tatsächlich erreicht wird, wenn man einen Menschen, der hier aufgewachsen ist, durch die Entziehung der Staatsbürgerschaft von sich abschottet. Jeglicher Einfluss auf diesen Menschen geht verloren. Es besteht keine Chance mehr ihn von Deutschland, seinen Werten und Gesetzen zu überzeugen. In einer globalisierten Welt kann Abschottung nicht der richtige Weg sein.


Die religiöse Bestattung braucht keine Politik

Viele Menschen feiern derzeitig die Tatsache, dass Muslime und ihre Imame dem Kirchenattentäter eine religiöse Bestattung verweigern als positives Signal. Würde man dieses "Signal" unabhängig vom Fall weiterdenken, würden keine Mörder und Attentäter jemals von einem Priester oder Imam etc. bestattet werden dürfen. Eine Tatsache, die ich aus meiner eigenen religiösen Sicht für falsch erachte, da diese vom Menschen getroffene Entscheidung die Verurteilung Gottes vorwegnimmt. Aufgabe der Gemeinden sollte es sein die Handlung zu verurteilen. Aber dem Menschen, der große Fehler begangen hat, an sich eine religiöse Bestattung zu verweigern, zeugt meines Erachtens durchaus von mittelalterlichen Sitten.


Es geht mir nicht um die Türkei, sondern um Deutschland

Veröffentlicht am 10/07/16 bei HuffingtonPost.de

Die deutsche Bundesregierung hat den Militärputsch in der Türkei als Unrecht verurteilt und zur Einhaltung der demokratischen Ordnung geraten. Aufseiten der deutschen Bevölkerung nehmen nun die Forderungen nach einer kritischen Stellungnahme der Bundesregierung zu. Viele Stimmen appellieren an die Rechtsstaatlichkeit, die Erdogan scheinbar aus den Augen verloren hat.

Die kürzlich beschlossenen Maßnahmen des Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan,hinsichtlich der Entlassung der über 2700 Richter und der aufstachelnden Diskussion um die Wiedereinführung der Todesstrafe, lösen heftige Kritik in Europa und der Welt aus. Doch der Blick in unsere eigenen Reihen ist dabei alarmierend genug.

 

Auf der Facebook-Seite von Mehmet Alparslan Çelebi, stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Muslime, äußert sich dieser zu der Selbstjustiz und den Gewalttaten gegenüber Soldaten des Türkischen Militärs in einem Kommentar folgendermaßen:

"Wenn Menschen, die ihre nächsten verloren haben, ausrasten und wie im Bild oben reagieren, ist das juristisch und islamisch gesehen falsch, menschlich gesehen, kann das passieren." Fotos zeigten türkisch Soldaten, die von aufgebrachten Erdogan-Unterstützern gewalttätig attackiert wurden. Eine Äußerung, die nicht nur erschreckt, sondern einer Relativierung von Selbstjustiz, Vergeltung und Gewalt innerhalb eines demokratischen und rechtsstaatlichen Systems entspricht. Derartige Vergehen, getrieben von Rachegedanken, sollten gerade von einem in der Verantwortung stehenden Vorstandsmitglied des Zentralrats der Muslime verurteilt, statt "menschlich" gerechtfertigt werden. Wie also, soll Deutschland Rechtsstaatlichkeit repräsentieren, wenn seine eigenen Staatsbürger und Amtsträger, das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit in ihren Äußerungen verletzen? Selbstjustiz, so unvorstellbar wie manche Situationen auch zu sein mögen, darf nicht "menschlich" sein, sie ist unmenschlich und nicht akzeptabel. Das Gerechtigkeitsverständnis in Deutschland definiert sich zurecht nicht durch hasserfüllte Selbstjustiz, sondern durch Instrumente der Rechtsstaatlichkeit. Von dem Vertreter einer der wichtigsten islamischen Dachverbände in Deutschland, der zugleich Christdemokrat ist, müsste eine klare Haltung zu rechtsstaatlichen Prinzipien, sowie eine Verurteilung der Gewalttaten zu erwarten sein.

 

Erschreckende Reaktionen deutscher Staatsangehöriger zu dem derzeitigen Konflikt in der Türkei, gewähren Einblick über eine bestehende Loyalität gegenüber Stellungnahmen, Aufforderungen und Reaktionen aus dem Ausland. Diese widersprechen häufig dem deutschen Wertverständnis. Äußerungen einiger Mitbürger zur Armenien-Resolution, führten zu Polizeischutz von türkisch-stämmigen Abgeordneten. In Gelsenkirchen, erfolgte ein Angriff auf einen Jugendtreff der Gülen-Bewegung. Die Vorfälle häufen sich. Die angesprochene Personengruppe spiegelt natürlich nicht die Gesamtheit der Migranten-Community wider. Es gibt auch viele, die sich offen gegen bestimmte Unvereinbarkeiten aussprechen. Es gibt aber auch jene, die bewusst ruhig bleiben, weil sie sich selbst oder ihre Familie davor bewahren möchten, dem Druck der Mehrheit innerhalb einer Community ausgeliefert zu sein. Wie kann es sein, dass sich ein Vater in seiner Gemeinde für die freie Meinungsäußerung seines Kindes rechtfertigen und sich klar zu einer Seite bekennen muss? Dieses Phänomen ist nicht nur eines der türkisch-stämmigen Community. Es lässt sich in vielen anderen Migranten-Communities ebenso wiederfinden. Ein Blick in deutsche Schulklassen reicht aus, um die kulturelle Vielfalt der heranwachsenden Generationen in Deutschland zu erkennen. 

 

Viele Kinder wachsen mit unterschiedlichen Kulturen auf. Viele der Flüchtlinge, die gekommen sind, werden bleiben. Und die Frage, die wir uns künftig stellen sollten ist nicht die, ob wir uns zu einem ausländischen Präsidenten bekennen oder nicht, sondern jene, wie wir als Deutsche in diesem Land miteinander leben möchten.


demokratie wie sie gerade gefällt

Jedes demokratische Volk hat das Recht und die Pflicht einen Militärputsch zu verurteilen und diesem entgegenzutreten, um seine Souveränität zu schützen.

Ein demokratisches und freiheitsliebendes Volk muss aber auch dann aufschreien, wenn die demokratische und rechtstaatliche Struktur seines Landes in Formen der Entlassung hunderter Richter ohne jegliche Verfahren und der auf den Straßen stattfindenden Selbstjustiz mancher Bürger gegenüber anderen Gruppen gefährdet ist.


In Gedanken bei den Opfern von Nizza


direkte demokratie

Meiner Meinung nach hätte das #BREXIT Referendum nie stattfinden dürfen. Es war abzusehen, wie populistisch die Art und Weise der Kampagnenführung zu werden droht. Dessen hätte sich die politische Führung aber bewusst sein müssen. Die Abstimmung an sich ist eine demokratische, obgleich sie eine emotionale war und ob einem das Ergebnis nun gefällt oder nicht.
Eine Demokratie muss aushalten können. Die Gesellschaft in ihrer heutigen Struktur glaubt, dass der Brexit der richtige Weg für ihr Land ist. Diese Gesellschaft sieht in 20 Jahren vielleicht schon ganz anders aus. Insbesondere das Abstimmungsverhalten der jungen Generation in Großbritannien zeigt, dass die EU keineswegs ein gescheitertes Projekt in Großbritannien war. Und sie lässt auf eine gute gemeinsame europäische Zukunft hoffen. Nun gilt aber sowohl für Jung als auch Alt das Ergebnis als Ganzes zu akzeptieren. Auch das ist Demokratie. ‪


DIE EBENEN DER GEHORSAMKEIT

Ruprecht Polenz über das "Verhältnis zwischen" und den "Umgang mit" den Geboten der Religion und den Gesetzen des Staates:

"Stimmen Sie der Aussage zu: "Die Befolgung der Gebote meiner Religion ist für mich wichtiger als die Gesetze des Staates, in dem ich lebe"? Ich finde diese Frage missverständlich gestellt, wenn damit der Gehorsam gegenüber staatlichen Gesetzen ermittelt werden soll. 1. betreffen religiöse Gebote und staatliche Gesetze unterschiedliche Normebenen. Letztere regeln menschliches Zusammenleben, erstere betreffen zunächst das Verhältnis des Gläubigen zu Gott. 2. Auch deshalb stehen die religiösen Gebote nicht zwangsläufig im Widerspruch zu staatlichen Gesetzen, wie die Frage suggeriert. Der Staat erwartet kein Gebet und er schreibt den Bürgern auch nicht vor, wann und was sie essen sollen. Für den Gläubigen aber ist das Beten wichtig. 3. Religiöse Gebote können auch auf das Zusammenleben mit anderen abzielen, zB das Gebot der Nächstenliebe. Aber dieses Gebot steht erkennbar in keinem Konflikt zu staatlichen Gesetzen. 4. Ein möglicher Konflikt entsteht nur, wenn religiöse Gebote etwas vorschreiben, was staatliche Gesetze verbieten. Hier und nur hier müssen wir in einer pluralistischen, rechtsstaatlich verfassten Gesellschaft mit Nachdruck darauf bestehen, dass das staatliche Gesetz über dem religiösen Gebot steht."


DEUTSCHE ABGEORDNETE UND DIE ARMENIER-RESOLUTION

"Verleumdung von Türken" liest man seit gestern häufiger in den Kommentarzeilen bestimmter Abgeordneter. Einige scheinen vergessen zu haben, dass Politiker wie Cem Özdemir oder Cemile Giousouf Abgeordnete des Deutschen Bundestages sind und damit auch in der Pflicht sind, die geschichtliche Aufarbeitung von Geschehnissen, an denen das damalige Deutsche Kaiserreich indirekt involviert war, zu fördern.

Als Deutsche spielt es für mich in erster Linie keine Rolle, wie die Türkei darüber denkt, sondern wie ich aus der Position Deutschlands heraus aus der deutschen Geschichte und den begangenen Fehlern lernen kann, um heute als Bürgerin Verantwortung zu übernehmen. Und das erwarte ich ehrlich gesagt auch von meinen deutschen Mitbürgern, ob nun mit oder ohne Migrationshintergrund. 

Es kann doch nicht sein, dass man in gewissen Kreisen mehr Anerkennung als deutsche Staatsbürger fordert, sich aber sobald es um das eigene Herkunftsland geht mit solchem verbündet und sich gegen die deutsche Geschichtsaufarbeitung stellt. Wie die Türkei mit den Geschehnissen umgeht bleibt ihre Sache. Wie Deutschland damit umgeht ist wiederum eine andere. Und nur weil Abgeordnete einen Migrationshintergrund haben sind sie verdammt nochmal nicht die Lobbyisten der jeweiligen Migranten-Communities. Sie sind Vertreter des ganzen Volkes. ‪


IN DANKBAREM GEDENKEN AN RUPERT NEUDECK

In Erinnerung an einen großen Menschen bleiben seine Taten und sein Plädoyer für Humanität als immerwährende Inspiration und Weckruf an die nachfolgenden Generationen. Viele Menschen, unter ihnen ein großer Teil der aus Vietnam stammenden Deutschen, verdanken Rupert Neudeck ihr Leben in Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Ich hatte die große Ehre Rupert Neudeck und seine Frau Christel kennenzulernen. An jenen Tag erinnere ich mich gerne zurück.

"Cap Anamur. Ein Name, der mir bereits während meiner Kindheit, meiner Jugendzeit und Erziehung begegnet war. Cap Anamur. Ein Hospitalschiff, das durch das Komitee "Ein Schiff für Vietnam" 1979 tausenden, fliehenden, vietnamesischen boat people das Leben rettete.

Heute hatte ich gemeinsam mit Diana die große Ehre mich bei Familie Neudeck mit Christel und Rupert Neudeck, den Gründern des Komitees, auf einen Tee zu treffen. Wir unterhielten uns über kirchliches und gesellschaftliches Engagement, Modernisierungsprozesse in politischen Parteien und Stiftungen und natürlich über die Situation der Flüchtlinge in unserem Land.

In seinem Buch -Radikal leben- beschreibt Rupert Neudeck folgendes: "Wir betrieben das Schiff, das wir dann am 24. Juli 1979 charterten, von unserem kleinen Reihenhaus aus, wo wir alles organisierten. Es war noch nicht die Zeit der Mobiltelefone und der Internet-Laptops, man hatte, wenn überhaupt, einen Telex-Apparat in der Mitte der Wohnung. Alles spielte sich in dieser Wohnung ab, und alles hat Christel Neudeck gemanagt. Das Radikale? Das Radikale bestand darin, sich mit Haut und Haaren dem Unternehmen -Lebensrettung im Südchinesischen Meer- zu widmen."

So saßen wir nun heute da, an diesem Wohnzimmertisch, in diesem Wohnzimmer, von wo die Lebensrettung tausender Menschen stattfand. Ich bin ehrlich gerührt, fühle mich inspiriert und mutig genug für die Ideen und Werte, von denen ich überzeugt bin, weiterzukämpfen. Aber auch wütend darüber, dass wir uns bei der derzeitigen Flüchtlingsdebatte immer nur über Materielles und die gerechte Verteilung von Verantwortungen unterhalten. Christel und Rupert Neudeck haben uns gezeigt, dass uns unser Wille, unsere Überzeugung und unser Glaube in unserem Handeln und unserer Hilfe für Mitmenschen keine Grenzen setzen. Sie sind ein großes Vorbild, an das wir in der derzeitigen Situation öfter erinnern sollten."


BOSNIEN UND HERZEGOWINA

Eine Studienreise führt mich nach Bosnien und Herzegowina. Thematisiert wird der Balkankrieg von 1991-1995. Meine Gedanken und Schlussfolgerungen fasse ich am Ende dieser Reise zusammen.

Wieder in Deutschland. Gestern verließen wir Bosnien und Herzegowina, ein sowohl landschaftlich wunderschönes, als auch vielfältiges Land, wenn ich an die unterschiedlichen Menschen denke, die uns während unseres Aufenthaltes so freundlich und offen begegnet sind. Eine ethnisch und religiöse Vielfalt, die im ersten Moment bunt und interessant klingt. Sie bedeutet aber auch eine gegebene Diversität, die wie der Balkankrieg beweist für politische Zwecke benutzt und instrumentalisiert werden kann. Insbesondere dann, wenn mit der Angst der Menschen gespielt wird. Der Zerfall Jugoslawiens führt zu großen Auseinandersetzungen um das Erbe Titos. Es geht um die Frage der Nachfolgestaaten, um eine Neugestaltung der territorialen Ordnung und um Republikgrenzen. Auch in Bosnien und Herzegowina kam es unter muslimischen Bosniaken, orthodoxen Serben und katholischen Kroaten, die bisher friedlich zusammen gelebt haben, zu Konflikten die Teil des Balkankrieges von 1991 bis 1995 wurden, eines der erschreckendsten Geschehnisse der europäischen Nachkriegsgeschichte.

Und auch heute bleibt nicht nur in Bosnien und Herzegowina die Frage bestehen, ob das Risiko aufkommender Konflikte von vornherein durch die geografische Trennung von Ethnie und ihren jeweiligen Glaubensrichtungen in eigene Gebiete angestrebt werden sollte oder ob eine Gesellschaft innerhalb eines Staatsgebietes einen friedlichen Umgang mit gegebener Diversität zugetraut werden kann. Ich persönlich schließe die erste Variante aus, da ich der Meinung bin, dass sich ein Staat nicht allein über eine Ethnie oder gar Religionszugehörigkeit definieren sollte. Bleibt also der zweite Weg, der gewiss der Kompliziertere ist. Dieser braucht zum einen politische Verantwortung, die über die einzelnen Interessen der unterschiedlichen Ethnien reicht und er muss zum anderen stets ein gemeinsames politisches Ziel anstreben, das über allem steht. Das könnte beispielsweise das friedliche Zusammenleben von Menschen innerhalb einer Gesellschaft sein, die ethnische und religiöse Diversität erlaubt.

Dieses Ziel bildet allerdings erst den Anfang einer überaus anstrengenden und langwierigen Umsetzung. Denn hinsichtliches des Themas Diversität innerhalb einer Gesellschaft darf man nicht den Fehler machen, der auch aktuell in Deutschland zurecht diskutiert wird. Das Ziel eines friedlichen Zusammenlebens mit ethnischer und religiöser Vielfalt bedeutet keineswegs die alleinige Toleranz gegenüber seines Nächsten oder ferner noch die reine Willkommenskultur, die immer wieder medial gelobt wird. Sie ist nur der Beginn des tatsächlichen Prozesses der Begegnung, des Verständnisses füreinander und zunächst nur die Bereitschaft, sich aufeinander einzulassen. Die bunte Gesellschaft braucht auf allen Ebenen eine starke Zuwendung in den Bereichen des interethnischen und interreligiösen Dialoges. Der Einzelne braucht ein Wissen darüber, warum sein Nachbar in der Fastenzeit fastet, ein Verständnis dafür, weshalb er an religiösen Feiertagen seine Arbeit ruhen lässt, eine Akzeptanz gegenüber seines Verneinens bestimmter Speisen und die Toleranz gegenüber der äußerlichen Ausübung seiner Religion, sei es die Kippa, das Kopftuch oder das Kreuz über seiner Haustüre.

Das ein solcher Dialog wichtig ist, jedoch an vielen Stellen vernachlässigt wurde und auch immer noch vernachlässigt wird, zeigt sich insbesondere in Zeiten wirtschaftlicher und politischer Krisen. Gelingt ein solcher Dialog würden seine Früchte gewiss in den Momenten greifen, in denen fälschlicherweise versucht werden könnte, einfache Lösungen auf komplexe Fragen zu geben. So kam in Bosnien und Herzegowina nicht allein der Versuch der Instrumentalisierung aufseiten der Politik auf. Die Mehrheit der betroffenen Menschen hat sich tragischerweise auch für die jeweiligen politischen Ideologien instrumentalisieren lassen.

Unser Besuch in Srebrenica und unser Gespräch mit Zeitzeugen vor Ort war einer der erschreckendsten Momente, die ich bisher erlebt hatte. Ich frage mich, wie solch unmenschliche Taten beginnend beim willkürlichen Schießen auf Zivilisten und Flüchtlinge in belagerten Städten bis hin zum Genozid in Srebrenica geschehen konnten. Ich frage mich, was in einem Menschen vorgeht, wenn er Tausende fliehende Jungen und Männer erschießt, diese Szenen filmt und die Ermordeten in Massengräbern versteckt. Und all das geschah nur 50 Jahre nach der Befreiung der Konzentrationslager zum Ende des 2. Weltkriegs und liegt aus heutiger Sicht gerade mal 26 Jahre zurück.

"Nie wieder könnten solch grausame Taten geschehen.", mag der ein oder andere denken. "Nie wieder können wir zulassen, dass solch grausame Taten geschehen.", sollte es tatsächlich heißen.

Konkret bedeutet das für uns in Deutschland, dass wir das derzeit friedliche Zusammenleben nicht als Selbstverständlichkeit annehmen dürfen. Wir sollten nicht davon ausgehen, dass sich Integration und der zwischenmenschliche Respekt hinsichtlich Ethnie und Religion nach dem Motto "Wir sind ja eine so bunte und tolerante Gesellschaft" einspielen werden. Konflikte dieser Welt zeigen, dass wir uns täglich sowohl auf politischer, als auch zivilgesellschaftlicher Ebene für Dialog, für Aufklärung, für Akzeptanz füreinander und Respekt voreinander einsetzen müssen. Für die Umsetzung dessen gehört für mich in Deutschland die politische Verantwortung in Form der Bereitschaft zur finanziellen Förderung der Arbeit im interethnischen und interreligiösen Dialog und insbesondere der Integration der in Deutschland lebenden Flüchtlinge dazu. Nur so kann sichergestellt werden, dass selbst bei dem künftigen Versuch einer politischen oder religiösen Instrumentalisierung das Wort, das sich dagegenstellt, lauter sein wird, als in vergangenen Zeiten.

In Bosnien und Herzegowina sprechen übrigens auffällig viele Menschen, denen wir begegnet sind, Deutsch. Sehr viele Bosniaken waren während des Krieges in den 90er als Flüchtlinge in Deutschland und sind nach dem Krieg in ihre Heimat zurückgekehrt.


DAS AUSSEHEN EINES DEUTSCHEN

Nachdem ich einen schönen Nachmittag mit Freunden in Werder an der Havel verbracht hatte, haben wir uns dazu entschieden, mit dem Schiffchen nach Potsdam zurückzufahren, um die sommerliche Abendsonne zu genießen. Wir saßen also zu fünft oben an Deck an einem Tisch bis sich noch eine ältere Dame, 64, wie sie uns mitteilte, ihr jüngerer Freund - auch dies betonte sie - und ihre Mutter, weit über 80, zu uns gesellten. Sie, 64, begann das Gespräch und erzählte unter anderem in ihrem nicht ganz akzentfreien Deutsch, dass sie aus Deutschland käme, auf jeden Fall deutsch und sehr, sehr gut integriert sei. Sie erzählte ein paar Lebensweisheiten bis sie mich irgendwann ansah und sagte: "Und sie? Sie kommt doch aus China, oder?" "Nicht schon wieder...", dachte ich mir. "Oder Südkorea!", versuchte sie ihr Glück weiter. "Ich komme aus dem selben Land, wie Sie.", erwiderte ich ihr und bekam daraufhin die wohl witzigste, als auch unverschämteste Antwort zugleich. "Hm? Nee, wieee. Aber sie hat doch Schlitzaugen!" entgegnete sie und zog sich im selben Moment mit ihren beiden Zeigefingern die Augenlider lang. Das Gespräch war für mich an diesem sonnigen Tag, mit meinen sonnigen Freunden und meiner sonnigen Laune dann besser beendet. 

Deutschland, Deutschland, auch nach vielen vielen Jahren musst du dich immer noch daran gewöhnen, dass deine Menschen neuerdings auch ganz gut Schlitzaugen tragen können.


DAS PANIK-STEAK

Immer wieder höre ich, dass die CDU der Grund für das Erstarken der AfD sei. Angela Merkel trage Schuld daran, dass eine demokratisch legitimierte Partei rechts neben der CDU entstehen konnte. Und nicht zu vergessen: schon der legendäre Franz-Josef Strauß predigte 1986 im bayrischen Landtagswahlkampf, dass es rechts von der CSU keine demokratisch legitimierte Partei geben dürfe. Nun haben wir das Problem, dass ein Björn Höcke in Person zwar kein lupenreiner Demokrat und freiheitsliebender Mensch ist, die AfD als Partei allerdings voraussichtlich eine stärker werdende Legitimierung durch das Volk erfahren wird.

Für mich ist AfD das Symptom eines unterschwelligen, gesellschaftlichen Problems in Deutschland, das offensichtlich untergründig vorhanden war, jetzt endlich sein Gesicht zeigt und nun dadurch politisch bekämpft werden kann. Nur eine offene und ehrliche Auseinandersetzung mit dem teils rassistischen und menschenverachtenden Gedankengut der Repräsentanten der AfD und seiner Unterstützer sowie die Suche nach politischen Antworten auf die bestehenden Existenzängste, widergespiegelt in Form von Pegida, werden Deutschland dabei helfen, sich gesellschaftlich weiterzuentwickeln. Gleiches gilt für die deutsche Parteienlandschaft. Warum sollte die CDU ein solches Gedankengut bei sich zu integrieren versuchen oder die erschreckend freiheits- und demokratieverachtende Offenbarung mancher Bürger oder sogar Mitglieder dulden? Das wäre lediglich eine Verschiebung der Debatte in einen internen, teils intransparenten Kreis und um ehrlich zu sein bin ich froh darüber, dass die Diskussion um den offensichtlich bestehenden Rechtspopulismus in Deutschland nicht von CDU Mitgliedern allein, sondern von einem Großteil der Bevölkerung geführt wird. Auch eine konservative, christlich-demokratische Politik muss am rechten Rand ihre Grenze erkennen.

Das Problem, das sich derzeitig in Form von brennenden Flüchtlingsheimen, unblumigen Flüchtlingsempfängen bei ankommenden Bussen sowie Morddrohungen an Journalisten und Politikern zeigt, löst sich keineswegs in Luft auf, sobald man das ganze Übel unter dem strukturkonservativen Deckel der CDU verschwinden und verschwimmen lässt. Wenn wir in Deutschland ein Problem mit Rassismus, Antisemitismus oder Islamophobie etc. haben, dann müssen wir uns alle in einer offenen und ehrlichen Debatte damit auseinandersetzen. Punkt.

Mal ein ganz unkonventionelles Beispiel: Stellen wir uns ein Steak-Restaurant vor, das die Steaks bisher immer in drei Kategorien eingeteilt hat (Vegetarier und Veganer erweitern ihre Vorstellungskraft bitte um die Tofu-Version). Es gibt Steaks, die well-done bestellt werden, weitere Steaks werden medium gebraten und andere Steaks gibt es als english Variante. Plötzlich gibt es einen Strom- und Gasausfall, sodass die restlichen Steaks nicht gebraten werden können. Statt sich mal um das bestehende Strom-und Gasproblem zu kümmern, kommt der Chefkoch auf die Idee: „Nun ja, auf dem uns bisher bekannten Spektrum von english bis well-done ist das rohe Steak dem english-gebratenen Steak an der Skala betrachtet am nahliegendsten. Daher können wir es dem english-ordernden Restaurantgast sicherlich auch auftischen, da er schließlich Wert darauf legt, dass das Fleisch noch ein bisschen roh ist.“ Der Restaurantgast fühlt sich ungerecht behandelt, da er einen ganz bedeutenden Unterschied zwischen der von ihm bestellten und der ihm tatsächlich aufgetischten Variante sieht. Plötzlich betritt eine kleine Gruppe von Gästen das Restaurant, die vom ständigen Strom- und Gasausfall die Lebensmittelversorgung in Gefahr sieht und sich aus der ganzen Hysterie heraus dazu entscheidet, sich ebenso mit einem rohen Steak zufrieden zu geben, bevor sie gar nichts mehr abbekommt. Geplagt von Angst und Sorge erweitern sie somit automatisch das Steakangebot um eine weitere Kategorie. Plötzlich steht das Gesundheitsamt vor der Türe. Der Mitarbeiter schaut sich die Situation an. Als er zurück im Büro ist, schlägt er seiner Vorgesetzten folgende Vorgehensmodelle vor: 1. Wir verbieten das Essen von rohem Fleisch. Der Nachteil wäre dabei allerdings die Einschränkung individueller Freiheit. 2. Wir lassen die Leute so viel rohes Fleisch essen, wie sie nur mögen, obwohl wir wissen, dass es auf Dauer gesundheitsgefährdend ist. Oder 3. Wir suchen nach Maßnahmen, um die Probleme hinsichtlich des Strom- und Gasausfall zu bekämpfen und werden damit vermutlich erreichen, dass die Rohfleisch verzehrenden Menschen künftig ihr Fleisch wieder english, medium oder well-done essen werden. Dies ist allerdings der mühsamste Weg.

Daumen drücken und Guten Appetit.


ICH HÄTTE GERNE EINE PORTION FEMINISMUS ABER OHNE HYSTERIE

#‎Weltfrauentag‬. Heute denke ich an eine junge Frau, die ich während eines kurzen Praktikums in einem ländlichen Gebiet Vietnams kennenlernen durfte und die mich in meiner eigenen Wahrnehmung von Frauen in der Gesellschaft geprägt hat. Sie war keine 27 Jahre alt, sorgte für drei Kinder, pflegte ihren kranken, arbeitsunfähigen Mann sowie dessen Vater und hatte noch sieben Schweine und dreißig neue Küken, um die sie sich alleine und ohne technische Hilfsmittel kümmern musste. Morgens ging es darum, der Familie Frühstück zuzubereiten, als nächstes mussten die Kinder in die Schule und die anderen Familienmitglieder gepflegt werden. Dann ging es weiter zu den Tieren und zum Gemüse- und Obstanbau. Wenn diese verkauft werden konnten, mussten sie mit dem Fahrrad oder zu Fuß auf den nächsten Markt gebracht werden. Mit dem verdienten Geld wurden Lebensmittel für das Mittag- und Abendessen sowie das Futter für die Tiere gekauft. Zurück zu Hause widmete sie sich weiteren Haushaltserledigungen, die auf sie allein zurückfielen. Im Wohnzimmer stand eine Wand frei, an welche sie die Urkunden, Zeugnisse und Klassenplatzierungen der Kinder klebte. Freiwillig meldete sie sich bei Experten, um zu erfahren, wie sie ihre Hühnerzucht verbessern konnte. Dann war es wie immer Zeit das Abendessen zu kochen, Tiere zu füttern, Kinder, Mann und Schwiegervater zu versorgen bis sie dann als Letzte ins Bett fiel und am nächsten Morgen als Erste wieder aufstand. Tag für Tag.

Auch heute wird überall auf der Welt für die Umsetzung der Gleichberechtigung der Geschlechter und die Rechte der Frauen gekämpft - auf verschiedene Art und Weise und in unterschiedlichen Dimensionen . Wir erleben Männer und Frauen, die sich für gleichen Lohn einsetzen. Menschen, die für das Wahlrecht der Frau eintreten und engagierte Bürgerinnen und Bürger, die durch unterschiedliche Projekte klassischen Rollenbildern entgegentreten.

Mit Anerkennung sollte dabei begonnen werden. Daher unterstütze ich heute gerne ich die Aktion ‪#‎MoreThanMyBody‬ / ‪#‎MehrAlsMeinKörper‬, weil ich davon überzeugt bin, dass Frauen unabhängig von gegenwärtigen Rechtslagen mit ihren Talenten und in ihrem gesellschaftlichen und persönlichen Wirken mehr wahrgenommen werden sollten. 

Sieben Schweinen und dreißig Hühnern werde derzeitig nicht gerecht, aber ich fang mal mit einer Katze an.


DIE STUNDE DER KONSERVATIVEN

Welch lesenswerter Artikel von Armin Nassehi. 

http://www.faz.net/-gqz-8dqih

 

"Konservativ zu sein bedeutet zunächst, sich den konkreten Lebensbedingungen derer zu stellen, für die unrealistische Angsterwartungen durchaus real sind, ob sie uns passen oder nicht. (...)

Vieles kulminiert in der Person der Bundeskanzlerin. Vielleicht ist der Grund für ihre Unerschütterlichkeit darin zu suchen, dass sie für einen Konservatismus steht, der Institutionen und Strukturen nicht einfach als Verlängerung der Vergangenheit denkt. Und dass die Kanzlerin derzeit mehr Unterstützung von außerhalb der Union erfährt als von ihren eigenen Leuten, könnte auch ein Hinweis darauf sein, wie sich eine Perspektive jenseits des moralischen Rigorismus der intellektuellen Mittelschichten zugunsten einer in einem neuen Sinne konservativen Situationssensibilität durchzusetzen beginnt.

Darin übrigens zeigt sich eine gewisse Kontinuität in der jüngeren Geschichte der Bundesrepublik. Es musste ein grüner Außenminister sein, der den ersten Auslandskampfeinsatz der Bundeswehr auf den Weg brachte, ein sozialdemokratischer Kanzler, der Arbeitsmarktreformen ins Werk setzen konnte; und nun wird es eine christdemokratische Kanzlerin sein, die den Boden dafür bereitet, dass die Bundesrepublik ihren Status als Einwanderungsland anerkennt, für den die gegenwärtige Flüchtlingssituation nur ein Vorbote ist, der politische Gestaltung brauchen wird."


"ICH BIN STOLZ AUF MEINE KANZLERIN!"

Bei den vielen Stimmen zur Bundeskanzlerin Angela Merkel möchte ich euch einen Bürgerbrief zeigen, den ich vor Kurzem erst lesen durfte. Der Verfasser des Briefes schickte diesen an die Bundeskanzlerin sowie an die Abgeordneten seines Wahlkreises und gab mir im persönlichen Gespräch die Erlaubnis, seine Worte zu veröffentlichen. Ein Gedanke, der möglicherweise nicht so häufig verschriftlicht wird wie manch anderer Gedanke in der aktuellen Krise. Und ein Brief unter vielen Briefen, der das ebenso existierende Vertrauen der Bevölkerung in den Kurs der Kanzlerin beweist, aber in letzter Zeit viel zu selten gehört oder gedruckt wird. Meinungsverschiedenheiten gehören dazu, ja sie sind sogar erwünscht und sie bringen alle Beteiligten sicherlich auch dazu, sich selbstkritischer mit ihren eigenen Argumenten zu befassen. Aber die ganze Panik und Hysterie, in der wir uns derzeitig bewegen, schafft Unsicherheit und Angst, erweckt neue Probleme und stürzt uns in populistische Dimensionen aus allen Richtungen, die mir zu bekämpfen noch viel schwieriger erscheinen. Lassen wir also nicht nur Angst und Schrecken zu Wort kommen:

 

"Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,

liebe Frau Dr. Angela Merkel.

Ich kann es kaum erahnem, welchem Druck Sie bezüglich Ihrer Flüchtlichngspolitik ausgesetzt sind. 

Mein Großvater war in den Jahren von 1946 -1969 CDU-Bürgermeister eines kleinen Dorfes im Münsterland. Ich selber war noch sehr klein und sehr eindrucksvoll war mir, dass er sagte: "Ich habe in Nordwalde jedes Zimmer gesehen und viel Hass bei Menschen, wenn ich Flüchtlinge in die Zimmer einquartiert habe. 

Wenn mein Großvater die Menschen nicht unterbringen konnte, dann brachte er diese "Flüchtlinge" mit nach Hause. Während meiner ganzen Kindheit habe ich Besuch von Flüchtlingsfamilien erlebt, die - inzwischen ausgezogen - zum sonntaglichen Besuch vorbeikamen. 

Auch damals waren Ängste und Sorgen - bei manch Einheimischen- sowie ein religiöser Konflikt erkennbar. Die wirtschaftliche Not war sicher noch viel, viel größer als heute. Fast alle Einwohner waren katholisch und sollten nun mit evangelischen Mitchristen teilen lernen. Das war nicht einfach - aber möglich. 

Mein Großvater hat sich diesbezüglich nicht verbiegen lassen.

Das unmögliche möglich machen und denken!

Ich bin dankbar für Ihre grundsätzliche Haltung zum Flüchtlingsthema - wohlwissend, dass auch manche Mitbürger Angst haben. Angesichts solcher Bedrängnis wünsche ich mir eine solche klare starke Haltung, wie Sie diese zum Ausdruck bringen.

Ich danke für das Rückgrat und wünsche Ihnen viel Kraft und hoffentlich aus den Kreisen der leitenden Mitmenschen unseres Volkes Unterstützung.

Leider sind auch selbstsüchtige Mitchristen in Bayern nicht in der Lage christlich zu handeln und zu denken. Dafür schäme ich mich sehr.

Sehr geehrte Frau Dr. Merkel, ich hoffe, dass Sie über alle Parteigrenzen hinweg aus den demokratischen Parteien unserer Republik Unterstützung erfahren.

Ich bitte auch alle Abgeordneten in den europäischen Schwester- oder Bruderparteien für ein Europa der offenen Grenzen zu werben.

Ich bin stolz auf meine Bundeskanzlerin.

und wünsche Ihnen in diesem Sinne viel Kraft und Mut

und entgegen allem Widerspruch Hoffnung und Zuversicht."


... AND OTHER BAHNSTORIES

Ich steige in den Zug nach Wuppertal. Im Gedränge finde ich glücklicherweise noch einen Platz und setze mich neben einen Herrn mittleren Alters. Wir kommen ins Gespräch in welchem er mich unteranderem fragt, was ich studiere. Ich antworte mit Politikwissenschaften. Eine Antwort, die so häufig vom Gegenüber als perfekte Überleitung zu aktuellen politischen Debatten genutzt wird. Wir sprechen über den derzeitig debattierten EU-Beitritt der Türkei. Waren seine Sätze bisher noch neugierig und zurückhaltend kurz, hält er plötzlich ein Plädoyer für die Notwendigkeit der Meinungsfreiheit und Demokratie in der Türkei, die laut ihm erst einmal neu geschaffen werden müssten, um überhaupt über einen EU-Beitritt verhandeln zu können. Religion, nein, Religion würde keine bedeutende Rolle spielen erklärt er. Schließlich glauben wir doch alle an einen und denselben Gott, ob wir nun Christen seien oder Muslime. Die von Menschen gemachte Politik, sagt er, sei das Problem. Als er sich plötzlich in seinem Monolog wiederfindet schaut er mich von der Seite an und fragt, ob ich eher "Merkel" oder eher "was anderes" sei. Ich oute mich ganz stolz, erzähle ihm von CDU-Politik und bekomme dafür nickende Zustimmung. "Gut, sehr gut", sagt er. "Eine starke Frau mit Köpfchen". Bevor er in Dortmund aussteigt zeigt er mir ein Foto von seiner Tochter in seinem Portemonnaie. "Ich habe auch noch einen Sohn. Von dem habe ich leider kein Foto dabei. Von meiner lieben Tochter aber immer!", lacht er. "Wie Papa", denke ich - nur das mein Papa tatsächlich nur diese eine Tochter hat. Seit 18 Jahren lebt der ältere Herr aus dem Zug nun in Deutschland. Aus der Türkei gekommen, um hier zu arbeiten. Als er aussteigt wünsche ich ihm einen schönen Feierabend und freue mich gleich endlich zu Weihnachten nach Hause zu kommen.


DIE REDE ANGELA MERKELS AUF DEM PARTEITAG 2015

Eine beeindruckende Rede von Angela Merkel auf dem 28. Parteitag der CDU Deutschlands in Karlsruhe. Hier der Link zum Onlinevideo:https://www.cdu.de/artikel/rede-von-angela-merkel-0

"Doch, liebe Freunde, seien wir ehrlich, hinter der Skepsis, ob wir das alles schaffen können, steckt, so glaube ich, noch mehr. Dahinter stecken nicht allein logistische Fragen betreffend die Versorgung und Unterbringung, nicht allein rechtliche Fragen betreffend die Sicherung der Außengrenzen. Hinter der Skepsis stecken auch die Fragen: Was alles wird sich verändern? Wollen wir überhaupt, dass sich etwas verändert? Wie viel Veränderung tut uns gut? Wann wird Veränderung zur Belastung? Wie bestimmen wir das? Können wir das bestimmen? Welche Wirkung hat unsere Art zu leben auf die vielen Menschen, die aus dem arabischen Raum, aus muslimischen Ländern zu uns kommen? Welche Wirkung haben ihre kulturellen Prägungen auf uns? Werden wir nach dieser Flüchtlingsbewegung von so vielen Menschen aus einem so anderen Kulturkreis als dem unseren noch das Deutschland sein, das wir kennen, das Deutschland, das stark ist und das uns starkgemacht hat? Mit Blick auf die vielen Flüchtlinge, die zu uns nach Europa und Deutschland kommen, hat Wolfgang Schäuble vor einiger Zeit von einem „Rendezvous mit der Globalisierung“ gesprochen. Genauso ist es. Wir sehen nun, was Globalisierung auch sein kann. Wir haben uns immer über den Titel Exportweltmeister gefreut. Wir haben ganz selbstverständlich in Anspruch genommen, dass Arbeitsplätze in Deutschland gesichert werden. Wir sind stolz auf die Strahlkraft unserer Wissenschafts- und Forschungslandschaft. Wir nehmen es für ganz selbstverständlich, dass wir überall in die Welt reisen können. Das ist die Globalisierung, wie wir sie uns wünschen. Aber Globalisierung hat noch eine andere Seite. Rasend schnell und in einem nicht gekannten Ausmaß kommen jetzt die Auswirkungen von Kriegen, Terror, Umweltzerstörung, Hunger und Armut zu uns. Die klassische Trennlinie zwischen Außen- und Innenpolitik, wie wir das in Europa oft erlebt haben, wird in der Globalisierung nicht mehr so klar erkennbar. Sie ist fließend geworden. Die Menschen haben überall auf der Welt ein Smartphone, wenn sie nur ein bisschen mehr haben, als für das nackte Überleben notwendig ist. Sie wissen, wie es woanders ist. Nun gibt es für uns zwei Möglichkeiten, wie wir auf diese Entwicklung reagieren. Die eine Möglichkeit ist, uns aus Angst vor dieser Entwicklung und in der Hoffnung, dass der Kelch an Europa schon vorübergehen wird, von den Folgen abzukoppeln. Ich glaube nicht, dass uns das gelingen wird. Es endet in Abschottung. Aber Abschottung im 21. Jahrhundert ist keine vernünftige Option.

Stattdessen dürfen wir, nachdem wir lange nur die Vorteile der Globalisierung gesehen haben, nicht nur die Risiken sehen, sondern wir müssen auch die Chancen erkennen, obwohl die Situation komplizierter ist. Ich bin überzeugt: Wenn wir es richtig machen, werden die Chancen ein Vielfaches größer sein als die Risiken. Dazu müssen wir uns wieder einmal – wie schon so oft in unserer 70-jährigen Geschichte – darauf besinnen, woher wir kommen, wer wir sind und was uns trägt.Was ist denn der Gründungsimpuls der Christlich Demokratischen Union gewesen? Dieser Gründungsimpuls kann uns heute Kompass sein. Die Idee der Gründung der CDU war eigentlich eine ungeheuerliche Idee: eine Partei, die im C ihre Grundlage findet, also in der von Gott gegebenen Würde jedes einzelnen Menschen. Das heißt, dass heutzutage keine Menschenmassen kommen, sondern dass einzelne Menschen zu uns kommen. Mit diesem Gründungsimpuls – ausgehend von der Würde des Menschen –, der sich auch in unserem Grundgesetz wiederfindet, ist uns etwas ganz Unvorstellbares gelungen, nämlich Klassen und Schichten zu überwinden. Die CDU war nie die Partei nur der Arbeitnehmer, nur der Wirtschaft, nur der Katholiken oder nur der Evangelischen. Nein, die Gründung der CDU war ein großes Werk des Brückenbaus. Wir sind eine Volkspartei. Jeder Mensch hat die Würde, die ihm von Gott geschenkt wird. Mit dieser Würde hat er die Möglichkeit, bei uns mitzumachen, egal zu welcher Schicht, zu welcher Klasse, zu welcher Gruppe er gehört. Das ist CDU vom ersten Tag an."


EINIGKEIT IN SCHWEREN TAGEN

Großes Entsetzen, tiefe Trauer und Schmerz empfinden wir in diesen Tagen, wenn wir mit unseren Gedanken bei unseren französischen Nachbarn, den Opfern und ihren Familienangehörigen sind. Nicht nur wir Europäer trauern mit Frankreich, sondern auch viele andere Menschen auf der Welt, die die extremistisch motivierten Attentate als Angriff auf die Menschlichkeit empfinden.

Nicht nur die Trauer um die unschuldigen Opfer von Paris beschäftigt mich heute, sondern auch die Sorge um die gesellschaftlichen und politischen Folgen dieser grausamen Tat. Ich denke an die rechtspopulistischen Kräfte in ganz Europa, die diese Katastrophe nutzen, um Ängste zu schüren. Die sich einen Sündenbock suchen, um die Komplexität der Bekämpfung von Terrorismus täuschend einfach erklären zu können. Vor allen Dingen denke ich an meine muslimischen Freunde und Mitmenschen, von welchen ich weiß, dass sie jetzt schon die Befürchtung haben, wieder einmal im Fokus der gesellschaftlichen und medialen Debatte zu stehen. Ich denke darüber nach, wie es sein muss, wenn man sich deutsch fühlt, die Werte dieses Landes schätzt, sich an Gesetze hält und sich dennoch ständig für seinen Glauben, der doch etwas Persönliches, Eigenes oder auch Intimes sein dürfen sollte, öffentlich rechtfertigen muss. Wer gibt mir eigentlich als Christ das Recht, von Muslimen zu verlangen, sich von extremistischen Taten zu distanzieren, die sie doch genauso wie ich auf das Schärfste verurteilen? Aber ebenso stelle ich mir die Frage aus der Sicht eines Christen, was mir die Befugnis gibt über extremistische Christen zu sagen, sie hätten aufgrund ihrer gewaltverherrlichenden Taten kein Recht darauf, Christ zu sein? Ich glaube nicht, dass das eine Entscheidung ist, die ich als Mensch zu treffen habe.

Natürlich dürfen wir nicht die Augen davor verschließen, dass es auch in unserem Land extremistisches Gedankengut gibt, das sich auf den Islam beruft und dem wir entgegentreten müssen. Im gleichen Atemzug müssen wir aber auch über diejenigen reden, die gegen den Islam und unsere muslimischen Mitmenschen und gar Flüchtlinge hetzen, zu Gewalt bereit sind und sich dabei auf christlich-abendländische Werte berufen. Sie alle glauben sich so fern zu sein und doch sind sie sich so nah. Unsere Aufgabe liegt dennoch nicht darin über diese Menschen zu urteilen, sondern darin, sie von friedlichen Alternativen zu überzeugen. Wir müssen es schaffen, die theologische Debatte von der politischen zu unterscheiden. Denn die theologische Debatte kann nur von den Glaubensanhängern selbst geführt werden. In diesen Zeiten müssen wir zeigen, dass wir nicht zulassen werden, von Extremisten für ihren Kampf gegeneinander instrumentalisiert zu werden. Wir sollten davon absehen, uns in einem Rechtsstaat als Christ und Moslem voneinander zu separieren und uns stattdessen als Bürgerinnen und Bürger verstehen, die alle gleichermaßen den Vertrag eingegangen sind, das Grundgesetz zu schützen und für Werte wie Freiheit, Demokratie und Menschenrechte zu kämpfen.

Ein Blick in unsere pluralistische Gesellschaft zeigt eine Geschlechter-, Generationen-, sowie Meinungs- und Glaubensvielfalt, die uns - nach dieser einzigartigen und friedlichen Wiedervereinigung, die gerade einmal 25 Jahre jung ist und um die uns viele Länder dieser Welt beneiden - nicht nur zu einer der wirtschaftsstärksten, aber auch zu einer der freiheitsliebenden und verantwortungsbewussten Nationen der Welt gemacht hat. Die Flüchtlingszahlen, die keine Masse, keine Flut und auch keine Lawine, sondern Individuen darstellen, bestätigen, dass Menschen sich ganz bewusst für Deutschland entscheiden - und das nicht nur aus Gründen des Schutzes und der finanziellen Unterstützung, sondern weil sie in erster Linie in Deutschland eine wirkliche Zukunft für ihr Leben und das ihrer Familie erkennen.

In unserer ganzen Wut, die menschlich ist, sollten wir uns vor Augen halten, dass Hass keine Antwort auf Hass sein kann. Denn Hass nimmt ein, bestimmt, zerstört, sät neuen Hass. Wir müssen offene Dialoge über Chancen aber auch Ängste zulassen, Versäumtes erörtern und über neue politische und gesellschaftliche Handlungsoptionen debattieren. Aber zuallererst unsere Einigkeit bewahren.


DIE LIEBE ZUM ANDEREN - NAVID KERMANI

Ein Ausschnitt aus der Rede des Friedenspreisträgers des Deutschen Buchhandels, Navid Kermani, über die Liebe zum Eigenen und die Liebe zum anderen. Aus der Perspektive eines selbstkritischen Muslims und eines den Islam verteidigenden Christen.

"Ich würde jedem Muslim widersprechen, dem angesichts des „Islamischen Staates“ nur die Floskel einfällt, dass die Gewalt nichts mit dem Islam zu tun habe. Aber ein Christ, ein christlicher Priester, der damit rechnen muss, von Andersgläubigen vertrieben, gedemütigt, verschleppt oder getötet zu werden, und dennoch darauf beharrt, diesen anderen Glauben zu rechtfertigen – ein solcher Gottesdiener legt eine Größe an den Tag, die ich sonst nur aus den Viten der Heiligen kenne.

Jemand wie ich kann den Islam nicht auf diese Weise verteidigen. Er darf es nicht. Die Liebe zum Eigenen – zur eigenen Kultur wie zum eigenen Land und genauso zur eigenen Person – erweist sich in der Selbstkritik. Die Liebe zum anderen – zu einer anderen Person, einer anderen Kultur und selbst zu einer anderen Religion – kann viel schwärmerischer, sie kann vorbehaltlos sein. Richtig, die Liebe zum anderen setzt die Liebe zu sich selbst voraus. Aber verliebt, wie es Pater Paolo und Pater Jacques in den Islam sind, verliebt kann man nur in den anderen sein. Die Selbstliebe hingegen muss, damit sie nicht der Gefahr des Narzissmus, des Selbstlobs, der Selbstgefälligkeit unterliegt, eine hadernde, zweifelnde, stets fragende sein."

 


MACH DIE ÄUGLEIN AUF

Es gibt anscheinend sehr viele Menschen in unserem Land, die sich durch die Aufnahme von Flüchtlingen so bedroht fühlen, dass sie sich schon als die eigentlichen Opfer dieser ganzen Katastrophe bezeichnen. Viel egozentrischer kann man diese Debatte doch gar nicht mehr führen. 

Sicher ist, dass Deutschland dieses Problem nicht alleine lösen kann. Für gemeinsame außenpolitische Strategien und eine langfristige Lösung zur Bewältigung der steigenden Flüchtlingszahlen braucht Deutschland in aller erster Linie seine europäischen Partner. Die Probleme lassen sich aber sicherlich nicht durch Abschottung und auf Kosten der Menschen, die verzweifelt versuchen ihr Leben zu retten, lösen. Nehmen wir an, es gäbe tatsächlich eine Obergrenze, die wir erreicht hätten. Kann ein Land wie Deutschland, mit all seinen moralischen Ansprüchen und seiner wirtschaftlichen Stärke es sich leisten, sich aus der Verantwortung zu ziehen und sich mit den Folgen einer Abschottungspolitik, wie beispielsweise der illegalen Einwanderung, zu beschäftigen oder mit bestem Wissen über die humanitäre Situation der Flüchtlinge dabei zuschauen, was mit den Menschen geschieht, die auf ihrer Flucht keine Hilfe erfahren? 

Sind die Deutschen dazu in der Lage, ihre Augen vor der Realität zu verschließen und sich hinter ihren längst überwundenen Mauern zu verstecken? Insbesondere in Zeiten der Digitalisierung bin ich der Meinung, dass dieses nicht möglich ist. Und darüber bin ich doch sehr froh.


ONE NIGHT IN MOROCCO

Midnight in Rabat, Morocco. We were sitting in a taxi heading back to the hotel when the driver started a conversation with us as follows:

"Oh, you're from Germany? It's really good what Germany is doing for the Syrian people. 

That brave woman. 

That was the right thing to do."


#MERKELSTREICHELT

Kinder, wie Reem, die nicht nur der deutschen Sprache mächtig sind, sondern von klein auf mit einen Bewusstsein für politisch gegebene Missstände aufwachsen und dadurch auch den Wert von Bildung und Chancengleichheit zu verstehen lernen, wissen ganz genau, was sie an einem Land wie Deutschland schätzen und lieben würden - wenn man sie denn bloß ließe. 

Dabei täte es gerade uns jüngeren Generationen sehr gut, immer wieder durch Mitmenschen, wie Reem, daran erinnert zu werden, dass unsere Freiheit und Demokratie nicht vom Himmel gefallen sind.

Stattdessen lassen wir zu, dass Menschen 4 Jahre ihres Lebens trotz Ungewissheit damit verbringen, sich gut zu integrieren, um dann wiederum abgeschoben zu werden. Asylrechtlich gesehen gibt es klare Regelungen, an die wir uns halten sollten. Das, was in der Umsetzung geschieht, ist allerdings alles andere als fair und menschlich. Denn diesen Kindern zuzumuten, sich in ihrer bereits verlassenen Heimat erneut auf diesem Niveau zu integrieren, sollte nicht das erstrebenswerte Ziel deutscher Asylpolitik sein.

‪#‎merkelstreichelt‬ zeigt auf, woran die deutsche Asylpolitik immer noch scheitert. Nämlich an der Handlungsunfähigkeit der Politik, Menschen -unabhängig davon, wie über ihren Verbleib entschieden wird - eine gewissenhafte und faire Perspektive zu geben.


AKTION ENGELCHEN - EIN UPDATE

Unsere Initiative Aktion Engelchen hatte in der vergangenen Weihnachtszeit zu Sach- und Geldspenden für Flüchtlingskinder in Münster aufgerufen. Dank des großen Engagements der Bürgerinnen und Bürger in Münster war eine gewaltige Summe an Spielzeug und Geld zusammen gekommen, sodass mehr als zehn Flüchtlingsheime mit Weihnachtsgeschenken versorgt werden konnten.

Einen Teil der übrig gebliebenen Summe investierten wir kürzlich in den Kauf von Kinderbüchern mit einem Gesamtwert von 630 Euro, die nun an die neue Flüchtlingseinrichtung in der ehemaligen Oxford-Kaserne gespendet wurden, die gerade erst vor zwei Wochen öffnete. Die dortige Flüchtlingseinrichtung bietet den vom Land zugewiesenen und in Münster neuankommenden Flüchtlingen eine gute Möglichkeit der Orientierung, geknüpft an eine angemessenere Umgebung, welche unser Sozialamt in der Innenstadt nicht bieten konnte.

Wir freuen uns sehr darüber, die neue Flüchtlingseinrichtung‬ durch die Bücherspende an die derzeitigen Kindersprachkurse und die künftige KiTa unterstützen zu können. Wir hoffen, dass die Bilder- und Wörterbücher den Kindern dabei helfen werden, die deutsche Sprache mit viel Spaß und Neugier zu erlernen. Die derzeitig dort wohnenden Kinder freuten sich sehr über die Bücher, die direkt mitgenommen wurden und hoffentlich noch oft aufgeschlagen werden.

Von ganzem Herzen möchte ich mich bei allen Beteiligten für ihre Unterstützung bedanken! Der große Dank der Kinder gebührt Euch! Nicht zu vergessen sind die engagierten Initiatoren und Helfer der Aktion! Euer Engagement‬ und die großartige Zusammenarbeit haben dies möglich gemacht. Ich drück' euch ganz herzlich!


CAUSA KOPFTUCH - ÜBER DAS VERHÄLTNIS VON STAAT UND RELIGION

Deutschland ist im Vergleich zu Frankreich oder der Türkei kein laizistischer Staat. Das Grundgesetz garantiert die staatliche Neutralität, indem es keine Religion oder Weltanschauung privilegiert. Es gibt seinem Volk aber auch die Möglichkeit eines religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses, sowie die Gewährleistung der ungestörten Religionsausübung, solange es dem Grundgesetz untersteht und die bestehenden Gesetze achtet. Der säkulare Staat verhindert indessen eine Staatskirche und eine Einmischung des Staates in kirchliche Angelegenheiten, sowie das Intervenieren der Kirche in staatliche Belange.

Das Verbot des Tragens religiöser Symbole - auch im öffentlichen Dienst - ist meiner Meinung nach ein Schritt in Richtung eines laizistischen Staates. Dass Menschen unterschiedlichen Glaubens und unterschiedlicher Weltanschauung friedlich beieinander leben und arbeiten können ist eine Errungenschaft, die wir nicht durch Verbote einschränken sollten. Damit dieser Pluralismus funktioniert bildet das Grundgesetz den Grundstein und den Rahmen, an dem sich alle zu halten haben. 

Statt Verbote und die laizistische Trennung von Staat und Religion zu fokussieren, sollten wir meiner Meinung nach eher unsere Freiheit betonen, die einen religiösen und weltanschaulichen Pluralismus innerhalb eines Volkes erlaubt, solange das Volk dem Grundgesetz, das als Neutralitätsgarant dient, unterstellt ist. Freiheit verlangt aber auch, dem Volke und jedem individuellen Menschen das Vertrauen zu schenken, dass dieser sich trotz seiner persönlichen Freiheit an die bestehenden Gesetze hält. Und diese Freiheit sollten wir uns nicht durch Verbote des Staates oder durch die Regulierung der Religionsausübung nehmen lassen.


... AND OTHER BAHNSTORIES

Ich sitze freudig im Zug auf dem Weg von Frankfurt nach Wuppertal zu Mami. In Köln bleibt der ICE vor uns mit einem Triebwerkproblem auf der Hohenzollernbrücke stecken. Feuerwehreinsatz, Brücke gesperrt. Nach zweistündigem Warten steige ich mit welkenden Rosen in der Hand in den nächsten Zug nach Wuppertal. Dieser wiederum bleibt nach zehnminütiger Fahrt aufgrund eines Defekts wieder stecken.

Die Fahrgäste steigen aus und schmieden einen neuen Schlachtplan. Unterihnen befindet sich auch ein älterer Herr - süßer Opi - der die Lage nicht mehr überblickt. Ich erkläre ihm die Situation. Daraufhin fängt er an zu lachen und stottert: Sehen Sie: das ist der Untergang des Abendlandes! Seien Sie froh, dass Sie aus dem Land der aufgehenden Sonne kommen. Da passiert sowas nicht! 

Ich lache herzlich und denke mir: Wenn Sie wüssten...


WENN PERSÖNLICHE IDENTITÄT VIELFALT ERLAUBT

Noch vor kurzem wurde ich bei Facebook von einem wildfremden Menschen angesprochen, der mir auf beleidigende Art und Weise erörterte, dass mein politischer Erfolg, den ich selbst - im Gegensatz zu ihm - noch nie so empfunden hatte, sowieso nur auf meinen Migrationshintergrund zurückzuführen sei. „Danke", dachte ich mir insgeheim, während ich versuchte abzuwägen, ob ich gerade Lust hatte, mich darüber zu empören, mich vor Wut und Ärger in eine Diskussion voller Rechtfertigungen zu stürzen, wüst zurück zu schimpfen oder das Hohelied auf meinen selbst unverschuldeten Migrantenbonus als Kompliment aufzugreifen. Nach dem Abspielen unterschiedlicher Szenarien, entschied ich mich für die friedliche Variante. Denn in der Tat - ich trage ein bestimmtes Empfinden und Verständnis in mir, das mir nur meine eigene, individuelle Vielfalt erlaubt. Eine Vielfalt, die zweifelsohne eine Menge Vorteile mit sich bringt, aber dennoch eine Reihe sozialer und gesellschaftlicher Herausforderungen in sich trägt, denen wir uns als künftige Generationen stellen müssen. Denn Vielfalt muss gelernt, gesprochen und gelebt werden. Wenn ich etwas nicht kenne, ist es mir fremd. Und wenn ich nie die Möglichkeit habe, mich dem zu nähern, bleibt es mir fremd.

 

Neben meinen beiden Kusinen war ich eines der ersten Kinder in unserem Kindergarten, das begriff, dass nicht alle Asiaten Chinesen sind. Netterweise galt uns dennoch die volle Aufmerksamkeit, wenn das Lied über „Drei Chinesen mit dem Kontrabass" angestimmt wurde. In der Schule zeigte sich, dass sich mit wachsendem Wissen der Horizont der Kinder erweiterte. Nun entwickelte sich die Feststellung „Du Chinese" schon zu der interessierten Frage: „Kommst du aus China oder aus Japan?". Jahr für Jahr vergrößerte sich das geografische Wissen der Kinder durch einen der wichtigsten Schlüssel zur beidseitigen Integration: #Bildung.

 

Jahre später beschäftige ich mich eher mit folgendem Dialog: „Hallo, Guten Tag! Wo kommen Sie her?" „Aus Wuppertal und Sie?" „Nein, nein,.. also ich meine, wo kommen Sie wirklich her?". Lange Zeit war ich ziemlich gut darin, mich tierisch über solche Fragen aufzuregen. Heute erkläre ich, dass ich Deutsche mit vietnamesischen Wurzeln bin. Eine deutsche Vietnamesin - oder eine vietnamesische Deutsche sozusagen. Meist stellt sich dann heraus, dass die Menschen mir eher erzählen möchten, was sie alles über Vietnam, seine Menschen und Esskultur wissen. Sie möchten ihr Interesse bekunden, ihren Willen und ihre Offenheit zum #Dialog.

 

„Fühlst du dich eher Deutsch oder Vietnamesisch?" - „Irgendwie beides..", würden wohl die meisten antworten wollen. Aber aussprechen wird man diesen Satz erst, wenn man den langen Prozess der Selbstfindung hinter sich hat. Ich beispielsweise spreche sowohl Deutsch, als auch Vietnamesisch. Ich feiere sowohl das westliche, als auch das asiatische Neujahrsfest. Ich liebe vietnamesische Pho und Sommerrollen.

Aber genauso habe ich eine Vorliebe für rheinischen Sauerbraten und schwäbischen Kartoffelsalat. Ich feiere Weihnachten und Ostern, weil ich Christ bin, kenne aber dennoch traditionelle Sitten und Bräuche der Vietnamesen. Ich bewundere die Gelassenheit der Vietnamesen in allen Lebenslagen. Aber meine deutsche Sozialisation macht es für mich persönlich unmöglich eine solche Lebensart zu verinnerlichen. Meine Aufenthalte in Vietnam zeigen mir sehr deutlich, wie „deutsch" ich eigentlich bin. Wir finden Vielfalt nicht erst auf gesellschaftlicher Ebene. Sie lässt sich auch in uns selbst wiederfinden und ist dabei ein Teil unserer persönlichen #Identität.

 

Die persönliche Identität muss auch getrennt von der gesellschaftlichen oder bürgerrechtlichen Identität ihren Wert haben dürfen. Hinsichtlich der Staatsbürgerschaft würde mir persönlich die Auswahl zwischen einem sozialistischen Einparteiensystem und einer parlamentarischen Demokratie nicht besonders schwer fallen. Wenn Menschen aus ihrer geliebten Heimat flüchten, dann riskieren sie ihr Leben, um der Unterdrückung zu entfliehen und sie selbst zu bleiben. Von politischen Missständen und Totalitarismus geflüchtet, um sich selbst nicht verleugnen zu müssen, werden sie oftmals in ihrer neuen Heimat erneut vor eine Identitätsfrage gestellt. Aber eines sollte feststehen: Die Identität eines jeden Menschen wird nicht allein durch seine Staatsbürgerschaft bestimmt. Im neuen Film von Burhan Qurbani „Wir sind jung. Wir sind stark." gibt es eine Szene, in welcher der junge Protagonist durch eine Frage dazu gedrängt wird, sich selbst als links oder rechts zu positionieren. Eine Aufforderung, die die persönliche Einstellung und Überzeugung als etwas Statisches definiert. Als seien sie von heute auf morgen festlegbar. Als sei jeglicher Mittelweg verboten. Aber ist es nicht zu einfach, sich nach vorgefertigten Mustern zu bewegen? Ist es nicht zu einfach, seine Identität streng gerichtet nach politischen Theorien und innerhalb geografischer Grenzen oder Kulturkreise zu definieren? Lasst uns aufhören, uns zwischen Stereotypen und Klischees zu bewegen und stattdessen beginnen, einfach mal wir selbst zu sein.